Klage: 134

gegen das Jobcenter Märkischer Kreis


Thema: Leistung verweigert - BG unterstellt

SGB II § x




Widerspruch W ????/10



       

Kurze Inhaltsübersicht:


1.    Kurze Einleitung
2.    Gesetzliche Grundlage
3.    Chronologie
4.    Urteile zum Thema
5.    Infos zum Thema
6.    Presseberichte zum Thema
7.    Foreneinträge zum Thema




        Kurze Einleitung

Nach Ihrem Umzug von Leipzig nach Iserlohn fand die junge Frau vorrübergehend eine Unterkunft bei einem Bekannten und wurde prompt beim Jobcenter Märkischer Kreis als Bedarfsgemeinschaft eingestuft.




         Chronologie



01.02.2017     Umzug

28.07.2017     Jobcenter zahlt keine Krankenversicherung

28.07.2017     Jobcensicherung

01.08.2017     Aufforderung mit Fristsetzung zum 07.08.2017

Einer abschließenden Bearbeitung meines Antrags steht also nichts im Wege und meine Mietschulden muss ich endlich ausgleichen. Außerdem übersende ich Ihnen die Forderung meiner Krankenversicherung in Höhe von 5546,25 €. Diese sind zeitnah auszugleichen.





02.08.2017     Das Haus das verrückte macht ;)
JULI
Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich Schritte zählen sollte. Ich fange an, höre bei 15 auf und komme zu dem Schluss: es ist weder beruhigend, noch sinnvoll. Mir steht der Sinn nach ganz anderen Dingen. Nach lachen (Verzweiflungslachen, natürlich) oder nach schreien (wofür ich in diesem Juli keinerlei Energie mehr habe) und besonders: nach schlafen. Nach ganz viel schlafen. Und wäre ich ein anderer Persönlichkeitstyp, wäre ich labiler oder einsam oder depressiv vorbelasted, stünde mir der Sinn vielleicht auch nach Strick. Aber all das kommt nicht in Frage, weil: ich muss zum Jobcenter. Bereits zum dritten Mal an diesem Tag und wer weiß: vielleicht ja auch nicht das letzte Mal. Also: Schrittzähler aus, Kopf aus, nicht lachen, nicht schreien, nicht weinen und stattdessen Autopilot an. Ich ziehe autopilotisch eine Nummer, setzte mich automatisch auf einen dieser fasznierend hässlichen Metallstühle und warte. Fast vierzig Minuten lang. Die Hütte ist rappelvoll. Mit dem Aufruf meiner Nummer setze ich mich mechanisch in Gang und lande bei Frau Zett. Frau Zett ist das Ende einer langen Reihe von Mitarbeitern, die ich in diesem Kasten namens Jobcenter sprechen werde. Ich erkläre Frau Zett kurz, dass ich vor etwa einer groben Stunde bei ihrer Mitarbeiterin Frau De war, dort diverse Unterlagen abgegeben habe und dafür gerne eine Eingangsbestätigung hätte, die mir Frau De aber verweigerte, da ich meinen Personalausweis nicht dabei hatte. Jetzt steh ich wieder hier, mit Ausweis und müdem Lächeln. Frau Zett schaut in ihren Computer und sagt: "Sie haben hier heute nichts abgegeben." Ich sage: "Doch. Bei Ihrer Kollegin." Ich deute auf die Dame am besagten Schalter und rassel runter, um welche Unterlagen es sich handelt. Ich ratter auch noch runter, dass dies Unterlagen sind, die ich bereits im Juni abgegeben habe und dass sie definitiv irgendwo in ihrem Computer auftauchen müssen." Frau Zett durchforstet das System, sie scheint ein Problem zu riechen, dessen sie sich entledigen will, und schickt mich zum Schalter von De. Back to the roots, quasi. Frau De händigt mir sofort die Eingangsbestätigung aus, auf der allerdings nur die abgegebenen Lohnabrechnungen meines Ex Freundes vermerkt sind. Allerdings hatte ich auch noch geforderte Nachweise über Einkünfte eventueller Gelegenheitsjobs ab Februar abgegeben, sprich: einen Stapel Kontoauszüge aus denen nichts weiter ersichtlich wird, außer: da ist nichts zu holen, sowie eine schriftliche Erklärung darüber, ob es in Zukunft noch Nebeneinkünfte geben wird und wenn ja, in welcher Höhe. Ich mache Frau De darauf aufmerksam, dass die zwei weiteren Unterlagen nicht auf der Eingangsbestätigung stehen und beharre darauf, einen Nachweis über die Abgabe zu erhalten, da dieser ganze Berg an Papier (dafür stirbt also der Regenwald) dem Jobcenter schon Anfang Juni vorlag. De scrollt ihren Bildschirm auf und ab und wieder rauf und nochmal ganz runter und sagt dann: "Scheinbar habe ich es vorhin eingescannt, aber nicht gespeichert. Haben Sie die Unterlagen zufällig nochmal dabei?" Jetzt wird mir langsam klar, wie in dieser Hütte Unterlagen verschwinden. Und was sich auch langsam in Luft auflöst: meine Nerven. Ich würde meinen Kopf gerne auf die Holzplatte vor mir legen und lachen und weinen und schreien und schlafen gleichzeitig. Ich fühle nichts, außer: Hilflosigkeit. Denn: das ist keine Juligeschichte. Das ist eine FebruarMärzAprilMaiJuniJuliGeschichte. Mit ungewissem Ausgang. Beginnen, wo es begann: Februar Ich übersende dem Jobcenter einen formlosen Antrag auf Arbeitslosengeld II. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich den Wisch besser per Einschreiben schicken sollte und wo auch immer das Gefühl herkam: es war wahrscheinlich goldwert. März Anfang März erhalte ich dann ein Schreiben von Frau Ah. Sie bittet mich, mir die nötigen Unterlagen, sowie einen Termin im Eingangsbereich des Jobcenters zu besorgen. Als ich dort auftauche, sagt man mir, dass ich die nötigen Antragsformulare im Internet finde und dass ich, da im Schreiben von Frau Ah ja bereits eine Bedarfsgemeinschaftsnummer vermerkt ist, im System bin und somit postalisch einen Termin zur Antragsabgabe erhalte. Ich recherchiere welche Formulare ich in meiner Situation für meinen Antrag brauche, drucke aus, fülle aus, sortiere meine Kontoauszüge der letzten drei Monate und warte. Und warte. Und warte. Ich weiß nicht, ob man mich vergessen hat, ob ein Fehler im System vorliegt oder ob das Jobcenter einfach so ausgelastet ist, dass es normal ist, über Wochen in einen leeren Briefkasten zu schauen. Nach etwa drei Wochen gehe ich nochmal hin, erläutere die Situation und erhalte die Information: alles normal. Man hat hier viel zu tun, Termine kommen per Post. Tschüss und schönen Tag noch. April Irgendwann im April dämmert mir, dass irgendwas nicht so läuft, wie es im Idealfall laufen sollte. Das Jobcenter schweigt und ich kann das Schweigen nicht deuten. Haben die Mitarbeiter wirklich nur soviel zu tun, dass einfach noch keine Terminvergabe für meine Antragsabgabe möglich war oder ist es doch ein Fehler im System? Oder eventuell eine versehentlich falsch gegebene Auskunft der Schalterfrauen im Eingansbereich? Ich düdel das Internet rauf und runter und bin schon mal beruhigt zu erfahren, dass mein Antrag auch rückwirkend bearbeitet werden muss, da ich ja eine Eingangsbestätigung durch Frau Ah erhalten habe. Ich halte die Füße still und denke: wird schon. Mai Im Mai beginnen meine Füße unruhig zu werden. Nicht nur, weil der Kontostand schrumpft. Ich habe ein Ziel, ich will was machen und für meine Weiterbildungspläne brauche ich ein Gespräch mit einem Sachbearbeiter. Aber einen Sachbearbeiter bekomme ich erst zugeteilt, wenn ich meinen Antrag abgegeben habe. Wofür ich eine schriftliche Einladung brauche. Angeblich. Ich pfeif auf die Einladung, pack den ausgefüllten Antrag, meine Kontoauszüge und die Kontoauszüge meines damaligen Freundes in die Tasche, laufe los, betrete das Gebäude, welches nach tiefster DDR in Bitterfeld aussieht, in der Realität aber meilenweit vom ehemaligen Chemiestandort Nummer I entfernt ist, und ziehe eine Nummer. In diesem Haus, in dem man nur eine Nummer von vielen ist. Das weiß ich nur noch nicht. Ich lande bei Frau De. Es ist das erste Mal, dass ich Frau De sehe und diesmal schildere ich nicht die Situation und was bisher geschah (nämlich nichts), sondern sage ihr, dass ich einen Termin brauche. Als sie meine Daten aufnimmt, macht sich sowas wie Erleichterung in mir breit. Doch dann gibt es ein Problem. Sie versteht nicht, dass bzw. warum ich schon eine BG Nummer habe. Ich erkläre es ihr. Dreimal. Sie ist sich nicht sicher, ob sie mir einen Termin geben kann und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht im Irrenhaus gelandet bin. Dann greift sie zum Telefon und fragt eine Kollegin um Rat. Erklärt, dass ich eine BG Nummer habe, die sich aus einem formlosen Antrag ergab, aber dass sich sonst noch kein Sachbearbeiter für mich interessiert hat zwecks Einladung zum persönlichen Vorsprechen. "Mh", "ja", "mh" sagt sie in den Hörer, legt auf und nennt mir die Nummer des Zimmers, in das ich mich begeben soll. Geht doch. Die Frau, die mir die Tür öffnet, überrascht mich. Positiv. Ihre ganze Art passt nicht zum Rest des Kastens. Sie lächelt, sagt nett "hallo" und fragt nach der Lage. Ich erkläre, sie versteht. Und dann gibt sie mir zu verstehen, dass sie meinen Antrag nicht annehmen kann, weil man zur Abgabe eines Antrags einen persönlichen Termin benötigt. Ich bekomme Angst. "Können Sie mir so einen Termin geben?" "Klar, kann ich." Angst Ende. Dann frage ich sie, ob sie mir auch schon einen Termin für einen Sachbearbeiter geben kann und überhaupt, wie das mit Genehmigungen für Weiterbildungen vonstatten geht. Zu Punkt 1 kann sie mir nur sagen, dass sich mein zukünftiger Sachbearbeiter mit mir in Verbindung setzen wird. Per Post. (Zwei Wörter, die ich für den Rest des Jahres nicht mehr hören kann: per Post.) Zu Punkt 2 kann sie mir gar nichts sagen. Gaaaar nichts, weil: ist nicht ihr Gebiet. Sie ist ehrlich, lächelt immernoch aufmunternd und ich fühle mich, als hätte ich den letzten lebenden Menschen entdeckt. Der letzte lebende Mensch heißt Frau Eh. Juni Der seit Monaten erwartete Termin ist da. Nice. Ich lerne Frau Ah und Ef kennen. Mir ist laut Antragspapieren nicht klar, ob es sich bei mir und meinem damaligen Freund um eine Bedarfsgemeinschaft handelt. Die vier Punkte des Bundessozialgerichts (ein gemeinsames Kind erziehen, irgendein Kind gemeinsam erziehen, länger als ein Jahr zusammen wohnen oder die Vollmacht über das Vermögen des anderen zu besitzen, trifft auf uns nicht zu). Als wir zu dem Punkt Bedarfsgemeinschaft kommen, trage ich meine Zweifel diesbezüglich vor, woraufhin mich Frau Ah auf einen Fragebogen verweist, den sie mir zukommen lässt und den ich dann in Ruhe ausfüllen soll. Als ich das Papier später in den Händen halte, muss ich ob der elementar wichtigen Fragen den Kopf schütteln. Mann will Dinge wissen, wie: "Benutzen Sie dasselbe Besteck?" "Werden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen?" "Waschen Sie Ihre Wäsche gemeinsam in einer Maschine?" "Benutzen Sie dieselben Haushaltsgeräte?" Natürlich nicht. Wir haben zwei Wasserkocher, zwei Geschirrspüler, zwei Staubsauger, zwei Mixer und strikt getrennte Herdplatten. Ich muss zugeben, dass mich dieser Wisch amüsiert und ich es nicht ernst nehmen kann, wenn man mich "Treten Sie gegenüber Freunden, Bekannten, Verwandten als "Paar" auf?" fragt. Natürlich nicht. Wir tun so, als wären wir Geschwister und verheimlichen unsere Zuneigung zueinander vor anderen vehement. Hallo? Aber alles in allem bin ich ganz froh, dass es jetzt voran geht. Ich bin irgendwo im System aufgenommen, alles wird seinen Gang gehen, ich werde Geld bekommen, die privaten Schulden der letzten Monate zurückzahlen und hoffentlich eine Weiterbildung machen können. Und die beiden Damen sagen, dass sie alle nötigen Dokumente beisammen haben. Fail, Fail, Fail. JUNI, IMMERNOCH Tatsächlich habe ich einige Tage später eine Einladung meiner zuständigen Sachbearbeiterin im Briefkasten. Die Chancen, dass "per Post" kein Trauma wird, stehen also gut. Mein damaliger Freund erhielt ebenfalls eine Einladung, was uns beiden etwas merkwürdig erscheint, denn a) spricht eigentlich alles dagegen, dass wir eine Bedarfsgemeinschaft sind und b) hat er einen sozialversicherungspflichtigen Job wozu sollte er also mit einer Sachbearbeiterin für Jobvermittlung sprechen? Beim Termin stellt sich dann raus: wir sollen gar nicht reden, Frau Ge hat das Wort. Zu meinen Weiterbildungsplänen kann sie gar nichts sagen, damit kennt sie sich nicht aus. Sie wird mir per Post einen Termin bei der Sachbearbeiterin für Weiterbildung und Umschulung geben, merkt aber schon mal an, dass sie mir diesbezüglich keine großen Hoffnungen machen will. Mir bleibt nicht viel Zeit, um da nochmal nachzuhaken, denn Ge ist jetzt in ihrem Element. Sie referiert über die Arbeitslosen. Sie nennt sie "Hartzer". Sie sagt, dass die meisten von denen gar nicht arbeiten können, weil die im Leben nie was leisten mussten. Wörtlich: "Die sind nicht wie wir. Wir haben studiert, aber die können nicht mal eine Umschulung durchziehen." Ich muss aufpassen, dass mir nicht die Kinnlade runterfällt. Klar kenne ich die: die Studenten, die sich für etwas besseres halten, was vollkommen absurd ist. Ob man an einer Uni landet oder nicht, hat eher mit der Herkunftsfamilie zu tun als mit dem eigenen kognitiven Können. Aber Frau Ge ist schon weiter. Dass die meisten hier schon in der dritten Generation arbeitslos sind und dass sie von manchen schon die Großeltern betreut hätte. Aha. Zuvor sagte Ge, dass sie drei Jahre älter ist als ich und erst seit wenigen Jahren hier arbeitet aber jetzt hat sie nach ihrer Logik bereits in den 80ern hier gesessen. Alles klar. Dann geht es damit weiter, dass Ge berichtet, dass man als Arbeitsloser nicht in den Urlaub fahren darf und dass sie jede Ortsabwesenheit rausfinden wird. Und dann erzählt sie von Facebook. Dass sie und ihre Kollegen da die Arbeitslosen stalken. "Man ist ja auch neugierig.", sagt sie. Am Ende erzählt sie meinem Freund dann noch, dass er als "Integrierter" betrachtet wird, weil er zwar einen Job hat, aber mit dem Job nicht genug für zwei verdient. "Nicht integriert genug.", nennt sie das. Als wir irgendwann wieder vor der Tür stehen, müssen wir uns beide erstmal sammeln. Ich habe keine Ahnung, was das da gerade war und ob das normal ist. Ich dachte, wir werden über meine Pläne zur beruflichen Weiterqualifizierung reden und über alternative Stellenangebote in der Region. Dazu sagte Ge nur, dass ich jung bin und einen Internetanschluss habe und mir alles selbst suchen kann. Aha. Und wofür wird sie dann bezahlt? "Lief das jetzt eigentlich gut oder schlecht?" Mein Freund reißt mich aus den Gedanken und ich sag':"Na eher schlecht, oder kam da jetzt irgendwas bei rum?" Wirklich. Ich habe keine Ahnung, warum ich dort saß. Wir waren kein Stück weiter. "Irgendwie war die so, als hätte sie zwei verschiedene Persönlichkeiten. In der einen Minute der gute Kumpel und drei Minuten später dann der Cop.", so seine Einschätzung. Die trifft es, würde ich sagen. Zu JuniBeginn dämmert mir langsam, wo ich da hineingeraten bin. War ich anfangs neutral bis optimistisch, hat mich Frau Ge mit ihrer äußerst abwertenden Art über Arbeitslose zu sprechen, in die Realität geholt. Ich spüre: Beklemmung und eine diffuse Art des Unwohlseins. Und vorallem wird mir langsam bewusst, dass ich von den Menschen in diesem Kasten abhängig bin. Abhängig auf allen Kanälen. Aber noch habe ich sowas wie Hoffnung. Und all diese Hoffnung setze ich auf den Termin mit der Fachfrau für Weiterbildungen. JUNI, IMMERNOCH II Die Post verkündet mir: ich habe einen Termin mit der Weiterbildungsfrau. Endlich. Ich packe alle nötigen Unterlagen zusammen, recherchiere über die möglichen Finanzierungskonzepte bei den jeweiligen Bildungsträgern, fertige eine schöne Liste an und denke mir, dass in meinem Fall eigentlich alles so schlüssig ist, dass es alles seinen geplanten Weg gehen müsste. An einem Morgen sitzte ich vor dem Büro von Frau Ih. Und warte. Und warte ein bisschen länger. Sie scheint nicht da zu sein und ich frage mich, ob ich mich vielleicht im Datum geirrt habe. Ich frage einen Mitarbeiter, der mir auf dem Flur begegnet. Datum und Uhrzeit sind identisch mit den Angaben auf meinem Einladungszettel. Ich warte weiter. Irgendwann kommt dann Frau Ih und schon in dem Moment, in dem ich sie sehe, wird mir klar: das könnte doch noch knifflig werden. Wird es auch. Ich sitze, sie verlangt meinen Ausweis, ihr Tonfall verheißt nichts gutes. Dann fragt sie mich nach meinem Lebenslauf und meinem Plan. Nachdem ich meinen Lebenlauf erzählt habe und zum Plan übergegangen bin, will ich zu meinem Stapel an Dokumenten greifen, aber da sagt Ih schon: "Das können Sie alles stecken lassen. Diese Art von Weiterbildungen lehne ich konsequent ab." "Warum?" "Ganz einfach: das Ziel des Jobcenters ist es, dass Sie weniger Steuergelder verbrauchen und ich sag es Ihnen jetzt mal wie es ist: Sie sind nicht gerade überintelligent. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie so eine Weiterbildung gar nicht schaffen, ist gegeben und dann sitzen Sie wieder hier bei mir. Das ist ja nicht das Ziel." Ich muss wirklich darauf achten, dass mir meine Gesichtszüge nicht total entgleiten. Ich meine: die Frau kennt mich maximal acht Minuten, hat kein einziges Zeugnis von mir gesehen, weder ein Abschluss, noch ein Arbeitszeugnis, und sagt mir im Grunde, dass ich zu dumm für eine Weiterbildung bin. Hä? Ich beiße mir auf Lippe, um nicht hysterisch zu lachen, während sie mir Alternativvorschläge gibt. Fachkraft für Lagerlogistik. Ich habe einen Knieschaden. Berichte ihr von meinem Knie. Sie meint, man könnte auch auf Busfahrer umschulen. Ich saß seit 11 Jahren nicht mehr hinter einem Steuer und warte darauf, dass die versteckte Kamera auftaucht. Tut sie aber nicht. Ich frage Ih, was es noch für Alternativen hier in der Region gibt. Wörtlich sage ich so etwas wie: "Haben Sie eine Liste, mit allen alternativen Möglichkeiten?" "Nein, das können Sie sich selbst raussuchen." Aha. Menschen, deren Job Weiterbildungsvermittlung ist, haben keine Listen und keine Ahnung, was es da so an Möglichkeiten in der Region gibt. Das ist der Moment, in dem ich mich absolut in der Falle fühle. Jede Neutralität und jene positiven Zukunftshoffnungen von vor ein paar Wochen sind wie weggeblasen. Gefühlszustand: ich bin in etwas reingeraten, was ich nicht mehr kontrollieren kann, ergo: ich bin ausgeliefert. JUNI, IMMERNOCH III Erhalte einen Zettel namens "Mietbescheinigung". Dort soll mein Vermieter im Grunde all das nochmal angeben, was bereits im Mietvertrag steht. Größe der Wohnung, Kaltmiete, Warmmiete. Und zudem so existenzielle Fragen wie: hat mein Badezimmer Fließen und alt ist das Haus. Mit dem Schreiben wird mir mitgeteilt, dass das Formular zwingend notwendig ist, um meinen Antrag zu bearbeiten. Ich fass es nicht. Wir haben Ende Juni, ich habe alle wichtigen Papiere in der ersten Juniwoche abgegeben und nun braucht man noch einen Zettel, der die ersten Zettel quasi bestätigt. Ich schicke ihn an den Vermieter und hoffe, dass er einigermaßen schnell antwortet. Verpflichtet ist er dazu nicht. Ebenfalls Ende Juni habe ich einen weiteren Termin bei Frau Ih. Ich habe ihr und mir ein paar Alternativen zum Thema berufliche Weiterbildung gesucht und erfahre nur, dass sie mir eine davon erst dann bewilligen kann, wenn über meinem Antrag auf ALG II entschieden ist. Und das hängt jetzt scheinbar alles an dem Papier meines Vermieters, der noch nichts von sich hören lässt. JULI Kontostand: mager Kühlschrankinhalt: mager Zukunftspläne: mager Lebensfreude: irgendwo unterwegs verloren Bis ich dann eines Tages im Juli diese ausgefüllte Mietbescheinigung habe. Yes! Alles hängt an einem Zettel, der verrät, dass mein Bad gefließt ist. Es ist schon irre. Einen Tag später sitze ich wieder auf diesen faszinierend hässlichen Metallstühlen und warte. Nach einer Weile lande ich am Schalter und vor mir sitzt Frau Eh. Der letzte lebende Mensch lebt jetzt am Eingangsschalter. Wie schon beim letzten Mal ist sie Zucker. Ich frage sie nach einer Eingangsbestätigung, die sie mir sofort ausdruckt. Ein Lächeln und tschüss. ENDE JULI Es ist Ende Juli und ich habe Post. Von meiner Krankenkasse. Sie meldet, dass seit Februar keine Beitragszahlungen mehr erfolgten und dass ich bis Mitte September 5546,25 Euro nachzahlen soll. What? Wie kann das sein? Ich habe den Antrag im Februar gestellt, der erstmögliche Termin zur Abgabe aller Unterlagen war für mich Anfang Juni dementsprechend hätte das Jobcenter doch zumindest Anfang/Mitte Juni die Zahlung an die Krankenkasse anweisen müssen. Ich meine: die Frage danach, ob mir eine Krankenversicherung zusteht, kann nicht davon abhängen, ob mein Freund und ich dasselbe Besteck benutzen und auch nicht davon, ob mein Bad nun gefließt ist oder nicht. Wie kann das sein? In dem Moment erinnere ich mich an einen Mann, der mir bei einem meiner Termine mal auf dem Flur entgegen kam. Er gab mir seine Visitenkarte, mit der Bemerkung "Falls ich mal Probleme mit dem Jobcenter habe, kann ich mich an ihn wenden". Und ob ich Probleme mit dem Jobcenter habe! Ich krame seine Visitenkarte aus meiner Tasche. Der Gute gehört zum aufRECHT e.V. und die beiden Worte mag ich sofort. Aufrecht und Recht. Es ist Wochenende und ich schreibe ihm eine Mail. Er antwortet mir mutmachendes ("Das Jobcenter muss die Krankenkasse bezahlen.") und lädt mich in die Sprechstunde seines Vereins ein. Ich habe den zweiten lebenden Menschen gefunden und er wird mir helfen. Zu meiner Angst bezüglich des Schuldenbergs, der über Nacht zu mir kam, gesellt sich ein bisschen Beruhigung. Ich werfe mir eine Schlaftablette ein und schlafe 18 Stunden es sind die besten 18 Stunden der letzten Monate. Einen Tag bevor ich den Termin im aufRECHT e.V. habe, habe ich nochmal einen Termin bei Frau Ih. Es geht noch immer um Weiterbildungsvarianten und darum, dass sie mir keine bewilligen kann, weil mein Antrag noch immer nicht bearbeitet ist. Ich frage mich, was da jetzt noch so lange zu bearbeiten ist und frage sie, ob sie eventuell Einsicht in den Bearbeitungsstatus hat. Und siehe da: hat sie. So kann sie mir auch mtteilen, dass da noch ein Brief an mich rausgegangen ist mit der Aufforderung, Lohnabrechnungen meines Freundes (der zwei Tage später mein Ex Freund sein wird) ab Februar einzureichen. Weiterhin Nachweise über seine Nebeneinkünfte und eine Erklärung darüber, in welcher Höhe eventuelle Nebeneinkünfte in Zukunft erfolgen werden. Ich. Kann. Nicht. Mehr. Das sind alles Sachen, die ich bereits Anfang Juni zur Antragsstellung abgegeben habe. Undzwar komplett. Warum fordert man diese Unterlagen jetzt, acht Wochen später, noch einmal? Wieder mit dem Verweis, dass mein Antrag erst dann bearbeitet werden kann, wenn die Unterlagen eingegangen sind. Ich fühle mich wie in einer Zeitschleife. Ich schalte auf Autopilot, laufe nach Hause, kopiere alle Lohnabrechnungen meines Freundes zum zweiten Mal. Kopiere seine kompletten Kontoauszüge zum zweiten Mal (schade, um die schöne Druckerpatrone und den Regenwald) und verfasse eine handschriftliche Erklärung zu seinen unregelmäßig vorhandenen Nebeneinkünften. Und ich frage mich: wozu wollen die das? Wir sind keine Bedarfsund Einstehensgemeinschaft. Ach egal. Koperen, sortieren und dann los. Nummer ziehen, sich wie eine Nummer fühlen, hinsetzen, warten, aufgerufen werden und dann zu Frau De. Ich gebe ihr die Unterlagen, sie scannt diese ein, ich frage nach einer Eingangsbestätigung, sie fragt nach meinem Ausweis, ich hab ihn nicht dabei. Sie sagt, dann kann sie mir keine Eingangsbestätigung geben, ich sage, dass das letztens bei ihrer Kollegin
auch ohne Ausweis ging. Sie sagt, dass sie nicht glaubt,"dass eine von uns eine Empfangsbestätigung rausgibt, ohne den Ausweis gesehen zu haben". Ich sage:"Wollen Sie mir unterstellen, dass ich lüge?" Ich sage auch, dass ich diese ganzen Sachen schon im Juni abgegeben habe und sie jetzt nochmal abgeben soll und dass ich dafür eine Bestätigung brauche, weil ich sonst vielleicht im August nochmal aufgefordert werde, den ganzen Kram abzugeben. Sie will es gar nicht hören ... Ich schlage ihr vor, jetzt meinen Ausweis zu holen, dann wiederzukommen und dann eine Eingangsbestätigung zu erhalten. Sie willigt ein und ich beginne Schritte zu zählen ...
AUGUST
Ich bin wahnsinnig müde. Und wahnsinnig müde sitze ich im Büro des aufRECHT e.V. und finde: weitere lebende Menschen. Und plötzlich fühle ich mich selbst auch ein bisschen lebendiger. Ich erkläre grob die Lage und die Jungs machen mir Mut. Ich bin kein Einzelfall und im Recht und im Grunde stehen meine Chancen gut wir müssen nur etwas zackiger im Ton und in der Vorgehensweise werden. Und da ist es: das Wort "wir" drei Buchstaben, die eine Menge ausmachen. "Wir" ist etwas ganz anderes als "ich". Wir lachen über die Absurdität der Bürokratie in diesem grauen, grauen Kasten und ich fühle: Beruhigung und neu erwachten Kampfgeist. Wir setzen ein Schreiben auf und geben dem Jobcenter eine Frist von sieben Tagen, um den Antrag abschließend zu bearbeiten andernfalls würde eine Untätigkeitsklage anstehen. Einen Tag später: die zuständige Sachbearbeiterin spricht mir auf die Mailbox und bittet mich, in die Notfallsprechstunde zu kommen. Nach all meinen Erfahrungen der letzten Monate, beschließe ich, diesen Kasten keinesfalls mehr alleine zu betreten. Zwei Tage später kreuze ich dort zusammen mit TS vom aufRECHT e.V. auf. Ich bin nervös, ängstlich und wahnsinnig froh, nicht allein zu sein. Wir betreten das Büro und die Atmosphäre ist sehr anders als sonst. Man lässt mich ausreden, man schickt uns einmal raus, um mit der Chefetage zu telefonieren, und dann sagt man uns, dass mein Antrag noch heute bearbeitet und die Zahlung an die Krankenkasse angewiesen wird. BÄM!!! Was über Wochen hinweg nicht machbar war, konnte plötzlich innerhalb weniger Stunden in die Wege geleitet werden.
Fazit 1: Ich bin mir sehr sicher, dass es ohne die Anwesenheit von TS nicht so funktioniert hätte.
Fazit 2: Nach Möglichkeit: niemals allein zum Jobcenter gehen.
Fazit 3: Ohne die aufRECHTLeute, wären einige Leute wohl wirklich am Ende.





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